Barnimer Bürgerpost,  Nr. 205,  18. Jg. Ausgabe 2/2012  7.2.2012,  S. 14





Adolf Gasser

Machtpsychose des Militärstaates.
Ein Beitrag zur deutschen Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges.

Unter den historischen Spezialisten, welche das Heerwesen des preussisch deutschen Kaiserreiches besonders gründlich erforschten, ist Bernd F. Schulte mit an erster Stelle zu nennen: Seinen früheren Buchpublikationen über "Die deutsche Armee 1900 1914" (1977) und "Vor dem Kriegsausbruch 1914: Deutschland, die Türkei und der Balkan" (1980) lässt er jetzt eine Aufsatzsammlung "Europäische Krise und Erster Weltkrieg" folgen (Verlag Peter Lang, Frankfurt/Bern 1983). Sie enthält eine Überfülle an neuem wissenswertem Tatsachenmaterial, das freilich didaktisch betrachtet im Gesamtkonnex etwas verstreut erscheint und darum eine einlässliche Durcharbeitung des ganzen Buchtextes erfordert.

In seiner einleitenden Betrachtung stellt Schulte vor allem den fatalen Potsdamer " Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 in einen weitere Aspekte erschließenden Gesamtkonnex hinein. Dabei verweist er auf eine aufschlußreiche Bemerkung Moltkes vom Sommer 1909, falls es zu einem Waffengang mit England allein komme, so müsste er "schon den Kaiser bitten, dann auch einen Krieg gegen Frankreich vom Zaune zu brechen". Dies offenbar, "um London in Paris zu erobern", ähnlich wie Napoleon und später Hitlers Generäle dies "in Moskau" zu erreichen hofften. Nun, Militärs neigten bis zum heutigen Tag allzu oft einem forschen Draufgängertum zu: Das Unheil vor 1914 bestand lediglich darin, dass sie nach des Kaisers Blamage im Daily Telegraph Skandal von 1908 und nach des Kanzlers Misserfolg in der Zweiten Marokkokrise von 1911 in den betont "national" gesinnten deutschen Volkskreisen zur höchsten moralischen Autorität aufgestiegen waren. Und wenn es scheinbar primär gegen Russland ging, dann ließ sich auch die Sozialdemokratie leicht in eine nationale Einheitsfront" hineinmanövrieren.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg gewesen. In einer aus, einem Vortrag herausgewachsenen sorgfältigen Studie verweist Schulte darauf, wie planmäßig die preußische und später deutsche Armee seit der Französischen Revolution darauf ausgerichtet wurde, jederzeit auch zum Einsatz gegen den "inneren Feind" verwendungsbereit zu sein. Zumal von 1905 an wurde dieser Aufgabe erhöhte Bedeutung zugemessen, so dass das deutsche Heer bis "kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine Armee für den inneren Kampf war". Zugleich weist der Autor aufs neue auf die von zahlreichen in und ausländischen Kritikern verzeichneten Mängel hin, die jenem vermeintlich "glänzendsten Heer der Weltgeschichte" (General Wilhelm Groener) anhafteten, Mängel, von denen etliche tatsächlich zum Rückschlag an der Marne maßgebend beigetragen haben. In sofern war die preußisch deutsche Armee unverkennbar auf den Lorbeeren von Königgrätz und Sedan eingeschlafen.

Ein dritter Abschnitt von Schultes Sammelband bietet neue und vertiefte Aspekte zur deutschen Balkanpolitik, vorab im Jahre 1912. Interessant, sind namentlich seine Nachweise, wie tief sich die militärischen Instanzen des Reiches durch den Zusammenbruch der Türkei im Ersten Balkankrieg (Oktober/November) getroffen fühlten und mit welch überforscher : Entschlossenheit die aktivsten und willensstärksten Persönlichkeiten im Generalstab seither darnach drängten, ihr Kriegsinstrumentarium endlich für eine weltpolitische Kraftprobe zum Einsatz zubringen. Der konservativ gesinnte General. v.Wandet dachte unverkennbar an die Abteilungschefs Kuhl und Ludendorff, wenn er am 26. November 1912 in seinem Tagebuch besorgt vermerkte: "Ich habe den Eindruck, dass der Chef des Generalstabs der Armee in den Händen einiger unruhiger und ehrgeiziger Köpfe ist ein auch von anderen Stellen seit längerer Zeit empfundener Eindruck -, keinen eigenen Willen hat (vielleicht durch körperliche Leiden in seiner Energie gelähmt ist) und so die klaren Ziele verliert, die gerade jetzt dringend nötig sind."

Zu den Draufgängern gehörte auch der bayrische Militärbevollmächtigte in Berlin, General Karl v. Wenninger. Seine aufschlussreichen Tagebücher, von Schulte schon früher in einem militärischen Fachorgan publiziert, sind jetzt auch im neuen Sammelband abgedruckt und so jedermann leicht zugänglich geworden. Sie bieten einen besonders lebensvollen Einblick in die Machtpsychose, wie sie infolge des Primats der Armee gegenüber der Zivilgewalt im Offizierskorps überwucherte und die Soldateska zur schmählichen Behandlung der Zivilbehörden des elsässischen Städtchens Zabern (November 1913) verleitet hatte. Wie Wenninger als erklärter Sachwalter der "Kriegspartei" am 31. Juli 1914 berichtet, traf er im Kriegsministerium "überall strahlende Gesichter": Händeschütteln auf den Gängen; man gratuliert sich, dass man über den Graben sei." Und auf die Frage, was die Ankündigung der "drohendes Kriegsgefahr" enthalte, erklärte er seinen Kollegen "das Merkmal dieses Zustandes mit den Worten: "Es ist eben Zabern im ganzen Reich." Alles lacht und ist orientiert."

Erschienen in: Neue Züricher Zeitung (NZZ), Mittwoch, 24.8.1983, Nr. 196.


Militärgeschichtliche Mitteilungen, 2-82, S.173f



Das Historisch-Politische Buch, XXXI-7-1983


 

 

Als Volker Ullrich sich noch benehmen konnte!

Die Zeit, 06.07.1984