Wirtschaft, Politik und Militär 1850-1990.

Bismarck war kein Deutscher? Der Leitaufsatz des Buches geht sehr kontrovers an die jüngere deutsche Geschichte heran. Mich interessierte die Aussage - das Ergebnis. Es handelt sich um einen Vortrag Sch.´s aus dem November 1989 vor dem Rotary Club Meinerzhagen (Industrielle wie Fuchs-Felgen etc.). Darin wurde der Gang und das wirtschaftliche Missergebnis der deutschen Einheit vorausgesehen. Paul Kennedys Buch zu "Auf- und Abstieg der grossen Mächte" und Lothar Galls Bismarck-Biographie gaben den Ansatz für wirtschaftsgeschichtliche Grundfragen und die un-deutsche Ausrichtung des ersten Kanzlers des Kaiserreiches, der ausschliesslich grosspreussisch dachte. Interessant. Die Berichte aus der Arbeit für die Fernsehsender der ARD und des ZDF bringen tiefere Einsichten in das Funktionieren der NVA der DDR. Der Einsatz mit dem Schiessbefehl Honeckers gegen das eigene Volk im Nacken und anderes. Eine bedeutsame Einsicht in die Rolle von verantwortlichen Generalen, die dann nach ihrer Leistung in der Behinderung eines Bürgerkrieges vom Staatsanwalt verfolgt wurden.

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Rückbesinnen ja - aber besser neubestimmen!

Ein "Rückbesinnen" auf Ergebnisse wissenschaftlicher und journalistischer Arbeit der letzten 30 Jahre mag von Reiz sein, bringt es doch den Leser dieses Sammelbandes in Verbindung mit den inneren Verhältnissen der historischen Wissenschaft wie der elektronischen Medien in Deutschland.

An neuralgischen Punkten der jüngeren deutschen Geschichte macht der Autor erkennbar, wie gebunden Erkenntnis an die jeweiligen politischen Verhältnisse ist. Ob in den Jahren vor und nach 1914, oder 1989.

Gerade der preußische Zug im deutschen Staatswesen, der inzwischen eher subkutan vermehrt zur Wirkung kommt, findet die Aufmerksamkeit des Autors, der einer süddeutsch-liberalen Sicht deutscher Geschichtsentwicklung zugehört, als der neo-borussischen Linie jüngerer Historiker, die vor und nach der Wende des Jahres 1989 an das "Reestablishment" nationalgeschichtlicher Versatzstücke gingen.-

Das wird eindrucksvoll demonstriert, z.B. an dem Beitrag zu "Honeckers Schießbefehl gegen das eigene Volk", wie der Fernsehfilm Schultes für das ZDF im Oktober 1990 hieß. War es nicht der Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr, Deist, der 1990 unverzüglichlich festsetzte: "Die Geschichte der NVA schreiben wir!" Oder die merkwürdig selektive Beobachtungsgabe der Düsseldorfer Historiker Afflerbach und Förster, die den Zerfall der Hamburger Fischer-Schule zum Ersten Weltkrieg dazu nutzten, die Umkehrung von 40 Jahren Forschung zu 1914 zu betreiben. Mit welchem Ziel?Offensichtlich wird in der deutschen Historikerzunft immer noch angenommen, Apologie nutze unserer Gesellschaft nach innen und außen wie nach 1918.

In Beiträgen zur Technikgeschichte (Bremsversuche auf Reichsautobahnen, 1936), der päpstlichen Diplomatie im Zweiten Weltkrieg, Kriegswirtschaft in der DDR zwischen 1934 und 1989, Tschecheikrise 1968, Kuwaitkrieg 1991 und Leunaaffaire 1993/94 will Schulte exemplarisch vorführen - vielleicht jedoch zu weitmaschig um zwingend zu sein - wie sehr ein kritisches Neubestimmen von Geschichtsbild und Gegenwartsverständnis in unserem Lande von nöten seien.

Joachim Dyes